Nachhaltige Bioökonomie – Kreisläufe und Region

Ulrich Schurr

Bioökonomie muss mehr sein als immer mehr Produktion von Nahrungsmitteln und der Ersatz fossiler durch nachwachsende Rohstoffe. Landwirtschaftliche Produktion, die sich in Regenwälder vorfrisst, oder die erste Generation von Biokraftstoffen machen deutlich, dass Wirtschaften nicht automatisch nachhaltig ist, nur weil es biobasiert ist. Nicht nachhaltige Bioökonomie gefährdet noch schneller als die fossilbasierte Wirtschaftsweise, Böden, Wasser, Klima und Biodiversität.

Was aber macht „nachhaltige Bioökonomie“ aus? Nachhaltige System sind immer in Kreisläufen organisiert. Nur wenn wir Kreisläufe in der Natur nicht so stark beeinflussen, dass sich die Umwelt negativ verändert, können wir Bioökonomie betreiben. Dabei geht es nicht nur um „Ressourcen“, sondern auch darum, Naturräume in Ruhe zu lassen, die wichtige Rollen im Erd- und Klimasystem spielen oder aus denen Gefahren für den Menschen entstehen können.

Nachhaltigkeit ist in diesem Sinne ein zutiefst auf den Menschen bezogener Begriff: „Erhalt des Planeten für zukünftige (menschliche) Generationen“. Natur hat aber auch ihr eigenes Recht und ich staune jeden Tag aufs Neue, wie viel „intelligente“ Lösungen Pflanzen geschaffen haben.

Nachhaltigkeit in der Bioökonomie muss einerseits, schon aus Eigeninteresse der Menschen, den Effizienzgedanken beinhalten, um einen möglichst geringen Fußabdruck zu ermöglichen. Andererseits muss die Grundlage der Respekt vor dem Leben an sich sein – und damit eine Neubestimmung des Verhältnisses von Mensch und (un-)genutzter Natur.

Regionale Ansätze machen nachhaltige Bioökonomie unmittelbar greifbar: in Bezug auf direkt sichtbare Konsequenzen menschlicher Aktivitäten und in der Balance von Mensch und Natur. Menschen können dabei erfahren, dass sie selbst Teil der Bioökonomie sind. In unserer Arbeit zur Umstellung von Regionen in nachhaltige Bioökonomie-Regionen müssen deshalb, neben der Frage nach Ressourcen und Prozessen, zunehmend die Menschen im Mittelpunkt stehen – als wirtschaftende Akteur*innen, als Konsument*innen, aber auch als Bürger*innen, die Verantwortung übernehmen. Wenn Menschen selbst Teil des Wandels hin zu nachhaltiger Bioökonomie sind, kann dadurch auch neue Identität und Identifikation mit „meiner Region“ entstehen.


Uli Schurr hat Funktionen in Pflanzenwissenschaften, Bioökonomie, Innovationsmaßnahmen und Wissenschaftspolitik und ist weltweit in Funktionen in Wissenschaft und Innovation tätig. Er leitet das IBG-2: Pflanzenwissenschaften am Forschungszentrum Jülich, das Bioeconomy Science Center und die Initiative BioökonomieREVIER Modellregion.